Bewerten, benoten, beurteilen

Seit ein paar Monaten mache ich interessante Beobachtungen bei Gesprächen mit meinen Freunden und Mitmenschen. Da fand zum Beispiel der folgender Dialog statt.

A: Ich hab mir endlich eine Siebträger-Kaffeemaschine gekauft! Ich freu mich so :)
B: Die ist doch wahnsinnig teuer?!
A: Ja, aber ich wollte sie und konnte es mir leisten und deshalb hab ich sie jetzt.
B: Na du musst ja Geld haben …

Bei dem Gespräch ging es um eine neue Kaffeemaschine, könnte aber von vielen anderen Dingen handeln und ist mir in Erinnerung geblieben, weil ich mich über die Reaktion so unglaublich geärgert habe.

Noch so ein Gespräch, das ich vor kurzem geführt habe:
A: Ich hab yz besucht – die haben jetzt ein total schönes Haus in der Nähe der Universität, an der sie beide arbeiten.
C: Oh, schön! Das können sie sich leisten? Naja, wenn sie beide an der Universität arbeiten, werden sie nicht so viel verdienen, die haben sicher einen hohen Kredit abzuzahlen. Und die Gegend, das ist ja auch nicht so toll …

Auch da hab ich mich geärgert und mich gefragt: Warum bewerten wir eigentlich immer alles, was unsere Mitmenschen von sich geben? Warum vergleichen, benoten, beurteilen wir es? Es muss der Neid sein, der uns auffrisst. Anders kann ich es mir nicht erklären. Können wir uns einfach mit unseren Mitmenschen freuen? Mit ihnen traurig sein? Anteil nehmen an dem, was sie erlebt haben oder machen?

Es ärgert mich jedes Mal, wenn es mich betrifft. Und schwöre mir, manche Dinge einfach nicht mehr zu erzählen. Das halte ich natürlich nicht lange durch weil ich nichts verheimlichen will, nur weil die Reaktion der anderen nicht so sein könnte, wie ich es gerne hätte. Trotzdem nervt es. Es würde mir nicht einfallen, mir ein Urteil über manche Dinge anzumaßen.

Die einen möchten ein Haus besitzen, die nächsten wollen sich ein teures Auto kaufen und wiederum andere wollen einfach möglichst viel Geld auf der Seite haben. Es ist ja gut, dass wir nicht alle gleich sind. Das macht es ja so spannend.

Es geht nicht nur ums Geld. Jemand macht eine Zusatzausbildung und geht dafür in Bildungskarenz? Der sitzt sicher nur daheim und zieht das nicht wirklich durch. Der Nächste möchte eine Familie gründen? Das ist doch Irrsinn, solange der Mann keinen ordentlichen Job hat. Sie ist selbstständig? Geh bitte, womit will ausgerechnet DIE sich selbstständig machen? Du hast die eine entfernte Bekannte nicht zu deiner Hochzeit eingeladen? Du bist wohl nicht ganz bei Trost, das gehört sich einfach nicht!

Wehe, es ist jemand glücklich oder hat eine Entscheidung getroffen, die außerhalb unseres Handlungsrahmens liegt. Sobald das passiert, fühlt es sich falsch an. Aber die Wahrheit ist: Es. geht. uns. nichts. an. Und wenn wir gute Freunde und aufmerksame Zuhörer sein möchten, verhalten wir uns auch so. Das heißt nicht, dass man nicht die eigene Meinung kundtun kann. Wenn ich sehe, dass meine beste Freundin sich ins Unglück stürzt und eine Irrsinns-Entscheidung trifft, wäre ich nicht die beste Freundin, wenn ich nicht sagen würde, was ich davon halte. Aber das ist eine ganz andere Sache. Oft ist es einfach der Neid, der aus der Reaktion des Gegenübers spricht. Aber worauf genau sind wir so neidisch? Auf das Glück unserer Mitmenschen?

Es ist absurd. Ich freue mich doch mit der Freundin, die eine Familie gründen möchte, auch wenn ich selbst keine Kinder will. Ich freue mich für den Freund, der eine Wohnung gekauft hat, auch wenn es für mich nicht wichtig ist, eine Wohnung zu besitzen. Es soll doch einfach jeder die Entscheidungen treffen, die einen selbst glücklich machen. Ohne das Gefühl zu haben, sich rechtfertigen zu müssen.

Wir treffen Entscheidungen. Wir versuchen Dinge. Wir schaffen. Wir scheitern. Das ist alles so wunderbar und auch notwendig. Machen wir uns das doch nicht gegenseitig kaputt.

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There are 2 comments for this article
  1. Jelena at 21:54

    Ich glaube gar nicht dass es wirklich Neid ist, sondern viel mehr die Selbstversicherung, dass man das was der andere hat eh nicht haben will und die eigene Entscheidung die richtige war. Und zudem sind wir seit den Sternchen in der Volksschule darauf dressiert uns mit anderen zu vergleichen in der Hoffnung besser abzuschneiden!

  2. Tanja at 18:00

    Sehr wahrer Text ! Aber Jelenas Kommentar dazu ist auch sehr treffend… ein bisserl wie der Fuchs und die Trauben oder so ;-)
    „Wettbewerb“ (oder Sternchen) ist aber grundsätzlich nicht schlecht… so manche/n hat das auch beflügelt!

    Und manchmal ist es nicht der Neid auf das, WAS der andere / die andere hat, sondern einfach der Neid, dass der / die andere überhaupt eine Entscheidung für oder gegen etwas getroffen hat… Ich beneide schon viele, die mit großer Sicherheit schwierige Entscheidungen treffen!