Es muss einem wurscht sein.

Vor ein paar Wochen hatte in ein Aha-Erlebnis im Gesangsunterricht (Memo an mich: warum die Entscheidung, Gesangsunterricht zu nehmen, die beste war, die ich je getroffen hab, muss ich auch dringend mal aufschreiben). Ich hab das Problem, dass ich zu viel nachdenke, auch beim Singen: statt dass ich einfach mache und loslege, ausprobiere und meine Grenzen austeste, bewege ich mich auf sicherem Terrain und singe vor Publikum nur so, wie ich es sicher hinbekomme. Improvisation ist zum Beispiel ein Albtraum für mich. „Mach mal irgendeinen Ton“ ist die schlimmste Anweisung, die man mir geben kann. Im nächsten Moment flutet eine Unzahl an Zweifeln und Abers durch meinen Kopf. „Ich soll irgendwas machen?! Was kann das sein? Was Lautes? Was Zartes? Was Hohes? Was Tiefes? Was, wenn es nicht das ist, was der Lehrer von mir erwartet? Was, wenn ich den Ton nicht treffe? Was denkt der dann von mir?“ Und in dem Moment geht es einfach nicht mehr. Genau aus dem Grund ist der Satz, den ich am häufigsten im Unterricht höre: „Nicht denken, Michaela!“ Einmal musste ich sogar immer wieder laut den Satz „Ich bin nicht auf die Meinung anderer Menschen angewiesen“ sagen. hat leider auch nichts gebracht.

Jedenfalls hatte ich vor kurzem wieder einmal einen solchen Moment, in dem ich es nicht geschafft habe, zu improvisieren. Ich hab diese eine Stelle wie gewohnt gesungen und mich entsetzlich drüber geärgert, dass ich nicht aus meiner Komfortzone rauskonnte. Mein Coach wollte dann wissen, warum; und ich hab geantwortet, dass er oder (beim Auftritt dann) das Publikum denken könnte, dass das falsch ist. Oder einfach nicht gut klingt. Er hat mich komplett fassungslos angeschaut und gemeint: „Um Gottes Willen, du darfst niemals drüber nachdenken, was das Publikum denkt!“ Das hat mich in dem Moment getroffen. Ich dachte immer, dass man natürlich dem Publikum gefallen will. Dass es gut unterhalten werden möchte. Das Ding daran ist aber: Wenn jemand schlechte Laune hat oder Bauchweh oder sonstwas, dann kann man das als Sängerin eh nur selten ändern. Und deshalb muss es einem auch bis zu einem gewissen Grad egal sein. Es kann nicht immer allen gefallen, was man macht. Das wär auch ziemlich langweilig.

Es ist ein bisschen wie auf Parties: Wenn ich jemanden zu mir einlade, bin ich immer irrsinnig darum bemüht, alles zu haben, was meine Gäste glücklich macht. Snacks, die richtigen Getränke, da noch ein bisschen Schokolade und dort noch ein paar Chips. Ich will, dass sich alle wohlfühlen. Und Spaß haben. Es hat lange gedauert bis ich begriffen hab: Ich bin weder eine Kellnerin, die ihre Gäste bedienen, noch ein Clown, der seine Freunde unterhalten muss. Die Leute müssen schon selbst gute Laune, Motivation Freude mitbringen, damit das Ganze ein Erfolg wird. Man wird ja irre, wenn man sich nur um die anderen bemüht statt sich zurückzulehnen und sich um das eigene Wohlbefinden zu kümmern. Wenn ich mein Wursthaut-Paillettenkleid anziehen und zu Roland Kaiser tanzen will, dann mach ich das. Das ist zumindest authentisch.

Worauf ich hinauswill? Es muss einem viel öfter wurscht sein, was die anderen denken. Nicht, dass man absichtlich falsch singen oder eine extra schlechte Gastgeberin sein sollte. Aber für die Einstellung und die Stimmung des Gegenübers ist man meist nicht verantwortlich. Das gilt für Parties, Konzerte, im Freundeskreis und auch im Berufsleben. Es ist in Ordnung, wenn etwas nicht klappt. Es ist auch okay, wenn man sich nicht einig ist. Man darf sich nur davon nicht aufhalten, das zu tun, was man möchte. Weil man sich sonst selbst um so vieles beschneidet – und eben das fällt mir so extrem beim Singen auf: ich trau mich so vieles nicht und komm manchmal einfach deshalb gesanglich nicht weiter. Dabei steh ich oben auf der Bühne. Da ist es ja total egal, ob ich schlecht angezogen bin oder den Ton nicht treffe. Das kann ich alles mit künstlerischer Freiheit begründen. Wichtig ist nur, die Stimmen im Kopf abzuschalten, die einen immer fragen, wie das denn jetzt ankommen könnte beim Publikum. Beim Gegenüber. Bei der Familie. Im Freundeskreis. In erster Linie muss es für einen selbst richtig sein. Oder?

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