Interessensvertretung Freier Medien gesucht

Interessensvertretung Freier Medien gesucht

Vor etwas über einem Jahr hat sich der Österreichische Medienverband aufgelöst, der sich als Interessensvertretung der „Freie Medien“ Österreichs verstand. Die Gründe für die Auflösung waren vielfältig, ein Problem stach allerdings hervor: der Begriff „Freie Medien“ war nicht definiert. Martin Blumenau hat es zuletzt bei der Podiumsdiskussion am Tag der Freien Medien angeprangert; damals war ich allerdings noch der Meinung, dass die Definition eines Begriffs die Arbeit einer Interessensvertretung nicht maßgeblich beeinflussen kann. Eineinhalb Jahre und eine Magisterarbeit zum Thema „Freie Medien“ später bin ich anderer Ansicht, auf der Suche nach einer solchen Definition und gewillt, einen solche Interessensvertretung erneut ins Leben zu rufen.

Es gibt so gut wie keine wissenschaftliche Literatur zum Thema „Freie Medien“. Stattdessen geistern Begriffe wie „Bürgermedien“ und „Partizipative Medien“ durch die Bücher und Texte. Diese Begriffe greifen alle zu kurz, denn sie stempeln die entsprechenden Medien als Formen des Laienjournalismus ab, ohne deren Qualitätsansprüche zu berücksichtigen.

Eine weitere, im amerikanischen Raum verbreitere Begrifflichkeit, ist die der „Alternative Media“ – eine Bezeichnung, die der Medienverband selbst in einem Working Paper kurz vor seiner Auflösung für passender empfand als die der Freien Medien. Doch „Alternative Medien“ wiederum sind eine eigene Baustelle – ihnen liegen meist politische Motivationen zugrunde und sind ein Sprachrohr ihrer (Protest-)bewegung. Ich bin der Meinung, dass eine solche Definition durchaus seine Berechtigung hat, auf viele der ehemaligen Mitgliedsmedien des Österreichischen Medienverbands jedoch nicht zutrifft.

Zurück also zum Begriff der „Freien Medien“. Wovon sollen sie frei sein? Von kommerziellen Interessen und Zwängen, wie es so schön heißt. Eine Betrachtungsweise, die ich nach fast fünf Jahren bei CHiLLi.cc und mokant.at für unsinnig erachte. Natürlich wollen wir nicht angewiesen sein auf Anzeigengeschäfte, Werbeschaltungen und Geldgeber oder uns gar von diesen beeinflussen lassen. Unseren Lebenserhalt bestreiten und RedakteurInnen für ihre Tätigkeit entlohnen zu können, wäre andererseits ein Zukunftswunsch, der momentan ein solcher bleibt. Weder haben wir die zeitlichen Ressourcen noch das entsprechende Geschäftsmodell, um gewinnorientiert zu handeln. Das bedeutet aber nicht, dass wir, sollten sich unabhängige SponsorInnen oder FörderInnen finden, dieses Geld nicht nehmen würden, um zumindest jenen Mitarbeitenden mit erhöhtem Arbeitsaufwand (wie zum Beispiel die Chefredaktion) eine Aufwandsentschädigung zukommen zu lassen.

„Frei“ ist daher in diesem Zusammenhang ein problematischer Begriff und nicht eindeutig festgelegt – daher wäre eine andere Bezeichnung sinnvoll oder zumindest eine konkrete Definition des Wortes „frei“.

Ich habe im Rahmen meiner Magisterarbeit mit RedakteurInnen eben jener Medien gesprochen, die sich momentan als „Freie Medien“ bezeichnen würden – und dabei ein paar Merkmale herausfinden können, die einem neuerlichen Definitionsversuch „Freier Medien“ oder dem Finden einer neuen Begrifflichkeit hilfreich sein könnten:

#1: Orientierung an journalistischen Merkmalen: Freie Medien betrachten sich als publizistische und journalistische Medien, d.h. sie beachten publizistische Kriterien (Periodizität, Aktualität usw.) und halten die Trennung von subjektiven und objektiven Beiträgen ein.

#2: Fix definierten Rollen und Verantwortungen innerhalb der Redaktionen: Es wird unterschieden zwischen Herausgeberschaft, Chefredaktion und redaktionell Mitarbeitenden und es gibt entsprechende Hierarchien. Auch hier findet eine starke Orientierung an kommerziellen Medien statt.

#3: Kontrollinstanzen: Ein Merkmal, das vermutlich auch bei Alternativen oder Bürgermedien zutrifft, Freie Medien aber zumindest von MultiautorInnenblogs abgrenzt. Nicht jedeR kann Artikel und Beiträge veröffentlichen, zuvor durchlaufen sie gewisse Kontrollinstanzen, die formale und inhaltliche Fehler vermeiden sollen.

#4: Journalismus-affine Beteiligte: Sehr viele RedakteurInnen streben in den Journalismus oder arbeiten bereits in diesem Bereich Dies war in der Vergangenheit offenbar wesentlich leichter möglich als in der Ära von Blogs.

Wofür die ganze Diskussion notwendig ist? Weil es definitiv eine Interessensvertretung braucht (und ich eine solche erneut ins Leben rufen möchte) für „Freie“ oder wie auch immer genannte Medien – um sie miteinander zu vernetzen, um in der Öffentlichkeit für sie zu sprechen oder um sie mit dem Wissen auszustatten, an Finanzierungen und Förderungen zu gelangen. Und zwar ohne politische Einflussnahme oder sonstige ideologische Verankerung. Man muss „Freie Medien“ als Spielwiesen und Ausbildungsstätten zugleich ansehen – als eine Bereicherung für die Medienlandschaft und als förderungswürdige Medienform.

 

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There are 2 comments for this article
  1. Toni at 12:43

    Auf unseren Fahnen steht ganz gross Freiheit. Würde mich gerne für ein erstes Gespräch treffen.

  2. Vitus at 14:08

    Das Definitionsproblem im Rahmen des Medienverbands war, dass eine Gruppe von Medien, die sich willkürlich zusammengeschlossen hatte, nach einer gemeinsamen Kategorie gesucht hat und den Begriff „Freie Medien“ verwendete, ohne viel über ihn nachgedacht zu haben.
    Der einzige tatsächliche gemeinsamme Nenner der beteiligten Projekte war wohl tatsächlich einfach „Medien“, allenfalls „Kleine Medien“, was aber als zu abwertend nicht in Betracht gezogen wurde.

    Auch die hier angeführten Merkmale haben mit dem Begriff „frei“ wieder nicht viel zu tun. Sei beschreiben nur Eigenschaften von Medien, die der ÖMV gerne vertreten hätte.

    Vielleicht wäre die Lösung für den ÖMV folgende gewesen: Wie es schon im Namen steht, hätte er sich einfach als „Medienverband“ fühlen können – ohne einschränkende Erweiterung des Namens. So hätte er auch große Medien als Mitglieder gewinnen können, gleichzeitig aber seine Förderungspolitik auf spezielle Felder begrenzen können.
    Also ein Verband (potentiell) aller Medien, der als seine Aufgabe die Förderung kleiner und junger Medien sieht.