Die Sache mit den Interviews.

Die Sache mit den Interviews.

Nach immerhin vier Jahren Umgang mit Medienvertretern, anstrengenden Interview-Partnern und grantigen Pressesprechern erschüttert mich mittlerweile nur noch relativ wenig. Was mich aber dennoch immer wieder zu erstaunen vermag und mich mitunter ebenso grantig macht wie eben jene Pressesprecher, ist die Sache mit den Interviews.

Ich weiß nicht, was sich für seltsame Praktiken und Vorgehensweisen in den letzten Monaten und Jahren in der Medienbranche etabliert haben, aber ein Interview muss scheinbar gar nicht mehr ein solches sein. Es scheint nur darum zu gehen, irgendein – möglichst hübsches – Zitat auf die Titel- oder Startseite zu packen, völlig egal, ob der zitierte Satz jemals getätigt wurde. Autorisierungen für Interviews werden immer mehr zur Herausforderung, vor allem für ein Medium, das von jungen Menschen betrieben und von großen PR-Agenturen nicht so recht ernst genommen wird.

Die absurdesten Änderungen wurden in Interviews schon vorzunehmen versucht, absätzelange Zitate komplett umgeschrieben und sinnentfremdet. Gekürzte, zu werbliche Passagen werden eingefordert. Ein „Sager“ wird einfach gestrichen, aus einer privaten Anekdote wird ein Pressebericht über den neuen Film. Die Zeit, die wir in der Redaktion damit verbringen, über einen Titel zu streiten, würde uns kein Mensch glauben. Ja, es ist tatsächlich so schlimm. Und es erstaunt mich, dass diese Praktiken bei vielen Medien funktionieren. Anders kann ich mir nicht die Selbstverständlichkeit erklären, mit der Pressesprecher mit solchen Anliegen auf uns zukommen.

Wir geben in solchen Fällen nicht nach. Solange wir uns als journalistisches Medium sehen, wollen wir uns nicht als PR-Instrument missbrauchen lassen. Werbung hat als solche gekennzeichnet zu sein. Bezahlte PR-Artikel haben in der objektiven Berichterstattung nichts zu suchen. Und die Autorisierung eines Interviews bedeutet nichts, dass es sinnentfremdet werden darf. Meiner Meinung nach. Aber mit dieser Meinung steh‘ ich scheinbar alleine da.

Next Post:
Previous Post:
This article was written by
There are 4 comments for this article
  1. pyrker at 09:36

    Ja, den Ärger mit den Interview-Abnahmen kenne ich leider auch.. einzig wirksames Mittel scheint der Trick zu sein „ohh, Sie wollen eine Abnahme? Das ist in unserem Workflow garnicht vorgesehen, das erlaubt der CVD nicht.. bla“

  2. The Sandworm at 09:54

    Was mich grundsätzlich erstaunt, ist dass Medien diesem Autorisierungsdruck offenbar nachgeben. Ich kenne zwar die Praktiken internationaler Zeitungen diesbezüglich nicht, aber ich würde doch davon ausgehen, dass ich als seriöses Blatt irgendwann mal einfach sage: Autorisierung wollen Sie? Na gut, dann machen wir eben kein Interview. Basta.

    Hier noch ein Lesetipp :)
    http://www.faz.net/artikel/C31013/autorisierung-von-interviews-das-will-ich-so-in-keinem-fall-gedruckt-sehen-30090246.html

  3. Petra Köstinger at 09:06

    Da bin ich voll bei dir, guter Beitrag.

    Zur Diskussion: Autorisierungen per se sind nicht schlecht. Sonst kommt das raus:

    http://diepresse.com/home/panorama/wien/496154/Koestinger_Die-gruene-FacebookRebellin

    Ich werde da mit Dingen zitiert, die ich nie gesagt habe. Und ich hab daraus gelernt, nie wieder ein Interview zu geben, bei dem ich den finalen Text nicht vor der Veröffentlichung zu sehen kriege. Natürlich ist das problematisch und birgt Missbrauchspotenzial. Die Abschaffung der Autorisierung ist imho aber keine Lösung.

  4. Pingback: michaelawein.net