„Wollte die Liebe persönlich beschimpfen“

„Wollte die Liebe persönlich beschimpfen“

Eine Lebensdauerkarte im Stadion, Kurzauftritte in Tarantino-Filmen und ausverkaufte Hallen als Musiker reichen manchmal eben nicht: „Die Ärzte“-Schlagzeuger Bela B. versucht es mit einem zweiten Soloalbum. Darauf geht es weniger um Punk und Revolution, dafür beschimpft er auf seiner aktuellen Single die Liebe. Und das, obwohl er gerade gar keinen Liebeskummer hat. Denn eigentlich ist er mit Kollege Farin Urlaub verheiratet.

CHiLLi: Du warst vor einem Monat bereits in Wien, weil du deine Fuß- und Handabdrücke verewigt hast. Hast du das Ergebnis schon gesehen?
Bela B.: Nein, noch nicht. Im Internet hab ich ein Foto gesehen, das war alles.

CHiLLi: Du weißt auch nicht, an welcher Stelle es ausgestellt sein wird?
Bela B.: Zwischen Tic Tac Toe und Sarah Connor vermutlich. (lacht) Ich habe gesagt, ich „will nicht neben Tic Tac Toe oder Scooter“ sein. Es sind natürlich Leute dabei, die ich super finde, Deep Purple oder Paul Anka, aber dann auch sehr viele, die nicht so toll sind.

 

 

CHiLLi: Bei deiner neuen Single „Altes Arschloch Liebe“ fällt als erstes auf, dass das Wort „Arschloch“ wieder im Refrain vorkommt, wie in „Schrei nach Liebe“. War das einkalkuliert?
Bela B.:
„Schrei nach Liebe“ ist 1993 erschienen, das ist schon sehr lange her und ich denke, das kann man schon auch öfter bringen. Ich fand die Verbindung von „Arschloch“ und „Liebe“ in einer Zeile ungewöhnlich, deshalb habe ich das so gemacht. Die Liebe persönlich zu beschimpfen, ist die Hauptintention des Songs.

CHiLLi: Das Lied könnte den Eindruck erwecken, als wärst du unglücklicher Single. Hast du von Fans Zuschriften bekommen, es einmal mit ihnen zu versuchen?
Bela B.: Ich kriege Zuschriften von Leuten die sagen das stimmt, das betrifft mich auch. Auch in meinem Freundeskreis waren Leute die unglücklich waren und sagten: ja genau so geht es mir. Und ein Freund meinte, das sei ein Song über ihn. Aber Angebote habe ich keine bekommen. Der Song betrifft auch nicht mich und meine Lebenssituation.

CHiLLi: Beim zweiten Track am neuen Album sticht besonders die Zeile „ich wünsch dir, dass du uns vergibst und nicht noch einmal unglücklich bist, weil du vergeblich liebst“ hervor. Eine ungewohnt ernste Zeile.
Bela B.: Das ist der Unterschied: Es gibt die Ärzte und Bela B. solo, und wenn ich solo bin, erlaube ich mir Persönliches, und erzähle Geschichten von denen ich finde, dass sie es wert sind, einen Text darüber zu schreiben. Obwohl es bei den Ärzten auch ernste Lieder gibt, meine letzte Single bei den Ärzten war ja auch ein ernsteres. In diesem Fall ist es eine Geschichte, die ich so erzählen wollte, und die ich so empfunden habe, da schöpfe ich aus der Vergangenheit. Wenn du getrennt bist von dem Menschen den du liebst oder für den du noch Gefühle hast – selbst wenn du dich getrennt hast, hast du ja noch Gefühle – kommt das alles am Geburtstag, den man sich, als man noch zusammen war, zum schönsten Tag gemacht hat, wieder hoch. Und darum geht es, „um einen Moment des Unglücklichseins nach der Beziehung“.

CHiLLi: Zum Thema Ärzte: Sprichst du dich mit Farin und Rod ab, wann ihr eure Platten veröffentlicht?
Bela B.: Wir sprechen das miteinander schon ab. Farin wollte vor drei Jahren die Veröffentlichung seines Live-Albums verschieben, und ich habe dann irgendwann gemeint, ich will meine Platte jetzt auch bald rausbringen, daraufhin hat er seine Platte nicht verschoben. Wir wollen uns nicht in die Quere kommen und die Leute auch nicht überfordern. Es reicht schon, wenn die Leute Ärzte-Fans sind und dann auch noch Farin Urlaub-Fans und Bela B.-Fans. Und vielleicht auch noch Rods Platten mit Abwärts kaufen.

CHiLLi: Ist es dir wichtig, was die anderen beiden über deine Platten denken?
Bela B.: Es sind ja deine Freunde, insofern ist es mir schon wichtig, was sie über meine Platte denken. Speziell mit Farin Urlaub ist das ja eine ehe-ähnliche Beziehung. Wir sind immer die ersten, die einander die Songs vorspielen, wir wollen schon voneinander wissen, wie der andere das findet, auch in Hinblick auf die Ärzte-Kompatibiliät. Insofern war das bei seinem ersten Soloalbum so, dass er es mir im Hotelzimmer auf Tour vorgespielt hat. Und er hat mir auch geschrieben, wie er mein Album findet. Rodrigo ist sogar überraschend zu meiner Anhörung gekommen, die ich mit dem Fanclub gemacht habe, das hat mich sehr gefreut.

CHiLLi: Ist die Herangehensweise eine andere, wenn du ein Lied für dein Soloalbum schreibst statt für die Ärzte?
Bela B.: Bei den Ärzten schreibe ich nicht nur für mich, sondern auch für die anderen beiden. Gerade bei Farin Urlaub geht es darum, einander zu toppen mit Texten oder mit Ungewöhnlichem. Bei der Soloplatte schreibe ich nur so, wie ich das empfinde, und habe mir auch einen roten Faden erlaubt, den es bei den Ärzten gar nicht so gibt. Ich schaue schon, dass die musikalische Richtung einem Sound entspricht. „Altes Arschloch Liebe“ hätte ich vielleicht auch den Ärzten vorgeschlagen, nur hätte ich den Song völlig anders arrangiert.

CHiLLi:
Kann man ein Liebeslied den anderen beiden vorspielen, ohne dass die einen auslachen?
Bela B.: Natürlich. Wir schreiben ja alle Lovesongs, da muss man nicht über den anderen lachen. Die letzte Platte ist ja auch ungewohnt ernst geworden, im Vergleich zu älteren Sachen. Es ist weniger albernes Zeug drauf.

CHiLLi: Seid ihr so viel reifer geworden?
Bela B.: Natürlich, du lebst länger, du hast andere Ausdrucksmöglichkeiten, hast über die Jahre gelernt, Texte anders zu schreiben, vielleicht mit mehr Tiefe, das hast du mit neunzehn nicht drauf. Und dich interessieren mit neunzehn auch andere Themen als mit über vierzig. Das kann schon sein, aber die Kunst in uns, Sachen zu schreiben, wird halt größer, und deshalb machen wir dann auch andere Sachen. Außerdem wollen wir uns auch nicht wiederholen.

CHiLLi: Wie kommst du zurecht mit dem Älterwerden?
Bela B.: Ich komme gut damit zurecht, ich weine nicht über die Vergangenheit. Ich will jetzt nicht wieder ganz jung sein, ich fühle mich auch nicht alt. Logischerweise ist man natürlich dann als Rockstar jemand, der in der Öffentlichkeit steht jemand und für den Eitelkeit ein bisschen zum Beruf gehört, ein bisschen unglücklich, wenn man Sport treiben muss oder länger sich kämmen muss, um besser auszusehen. Aber ich mach mir über Falten oder so keine Sorgen.

CHiLLi: Aber es ist dir schon sehr wichtig, wie du in der Öffentlichkeit auftrittst.
Bela B.: Wenn ich in die Öffentlichkeit gehe, ist mir schon eine gewisse Eitelkeit eigen. Wenn du auf die Bühne gehst, willst du natürlich gut aussehen, nicht jeder, Hartmut Engler von Pur nicht – obwohl das nicht stimmt, sogar der will das. Wir sind ja auch normale Jungs, die ihr Leben öffentlich leben und da gehört die Erscheinung auch dazu. Und wir sind halt keine neunzehn mehr.

CHiLLi: Ist es nicht seltsam, wenn man für Sechzehn- Siebzehnjährige noch als Vorbild gilt?
Bela B.: Bei den Ärzten ist es so, dass es Wahnsinn ist, dass noch Zwölfjährige dazukommen. Das hat sicherlich mit der Relevanz der Band zu tun, dass wir halt auch ehrlich sind und etwas zu sagen haben und uns nicht für jeden Scheiß verkaufen. Mittlerweile ist es so, dass ein Künstler, sobald er ein bisschen Erfolg riecht, seine Musik nur als Beiwerk hat zu dem, was er sonst macht, Werbung und so. Und das sind Sachen, die wir nicht machen, wir finden das unethisch. Andererseits „ist mit Musik heutzutage nicht mehr so viel Geld zu verdienen“, außer man ist Tokio Hotel.

CHiLLi:
Du hast in einem Interview gesagt „Auf die Ärzte kann sich irgendwie jeder einigen“.
Bela B.: Das ist inzwischen so, das war früher natürlich nicht so.

CHiLLi: Ist das nicht frustrierend?
Bela B.: Nein, wieso denn?

CHiLLi: Weil ihr nicht mehr provozieren und schocken könnt.
Bela B.: Ich bin über vierzig, das Provozieren gehört nicht mehr so zu meinen Hobbies. Ich mag nicht, mich zu verbiegen, um jemandem zu gefallen, aber wenn wir heute provozieren, wünschen wir uns das schon auf geschicktere Art und Weise als vor zwanzig Jahren. Das ist nicht frustrierend. Es kommen ja andere Sachen dazu. Früher waren wir Bürgerschrecks, und die Leute haben uns nicht gemocht, dafür haben uns die Jugendlichen gemocht. Die Jugendlichen sind heute teilweise selbst Eltern und spielen ihren Kindern unsere Musik vor. Wir haben tatsächlich den Weg geebnet für gute Musik über die Jahrzehnte.

 

CHiLLi: Zu wissen, dass die eigene Platte wieder auf Platz Eins schießen wird, muss ein beruhigendes Gefühl sein.
Bela B.: Damit rechne ich nicht, sonst wäre ich ja verrückt. Bei meiner Soloplatte ist es sehr spannend, wie die abschneiden wird, wie die Leute sie annehmen werden, weil sie sich schon sehr von meiner ersten Soloplatte und den Ärzten unterscheidet. Bei der ersten Platte hast du natürlich den Bonus von den Ärzten noch dabei, jetzt haben die Leute mich kennen gelernt, ich habe vierzig Konzerte gespielt mit meiner Band Los Helmstedt und die Leute wissen, worauf sie sich einlassen und wir werden sehen, ob sie auch meine Soloplatte wieder kaufen.

CHiLLi: Bist du noch nervös?
Bela B.: Natürlich bin ich nervös. Mir ist die Platte ja auch sehr wichtig, sie ist meine Herzensangelegenheit. Ich „hab sie nicht geschrieben, um meinen immensen Reichtum zu vergrößern“, sondern um auf Tour zu gehen und mich auszudrücken. Im Prinzip könnten auch zehn Leute die Platte kaufen aber dann würde ich keine Konzerte geben, weil zehn Leute reichen nicht aus, um die Band zu bezahlen.

CHiLLi:
Auf deiner Homepage sieht man immer wieder Fanaktionen, die Maskenaktion zum Beispiel.
Bela B.: Das ganze Artwork des Albums hat ein Konzept, wo es darum ging, was ist hinter Maske, was ist echt, was ist Schein. Da haben wir halt die Maske gemacht und sie als Poster beigelegt. Weil wir das Foto so toll fanden, haben wir es auf die Homepage gestellt, und der Grafiker hat dazugeschrieben „ausdrucken, ausschneiden und fotografieren und einschicken“. Das war eigentlich totaler Quatsch, aber da haben wahnsinnig viele Leute mitgemacht, und teilweise sehr anzügliche Fotos gemacht, sexuell anzügliche Fotos aber, was ich sehr lustig fand, mit meiner Maske.

CHiLLi: Dir scheint die Bindung zu den Fans sehr wichtig zu sein.
Bela B.: Das habe ich von den Ärzten gelernt. Es gibt keinen eigenen Bela B.-Fanclub, weil ich mit dem Ärzte-Fanclub zusammenarbeite, aber es gibt Bela B.-Fans, die sich auf meiner Seite treffen können. Das ist die Basis der Fans. Ich kann nicht den ganzen Tag für die Fans da sein, da könnte ich auch nicht glücklich sein oder Eindrücke aufnehmen für meine Songs, aber so ein paar Aktionen zu machen, ist schon wichtig.

CHiLLi: Du hast auf deinem neuen Album mit den unterschiedlichsten Künstlern zusammengearbeitet – vom Westernmusiker bis zum Fußballstar. Wie passt das zusammen?
Bela B.: Das ist die Welt des Bela B.! Das sind halt Sachen, die mich riesig interessieren. Ich bin hauptberuflich ein Riesenfan von ganz vielen Dingen und möchte dann gerne mit Leuten, die ich toll finde oder mit Institutionen wie dem FC St. Pauli, deren glühender Anhänger ich bin, was machen. Marcel Eger, einer der Verteidiger hat mal in einem Interview gesagt, dass er Schlagzeug spielt, also hab ich ihn gefragt, ob er Lust hat, auf meiner Platte zu spielen.

CHiLLi: Und Alessandro Alessandroni?
Bela B.: Alessandro Alessandroni war der Hauptmusiker von Ennio Morricone. Er hat die Mundharmonika gespielt bei „Spiel mir das Lied vom Tod“, gepfiffen bei „The Good, the Bad and the Ugly“ und Gitarren gespielt bei „Für eine Hand voll Dollar“. Ein Freund von mir hat den aufgetrieben, er ist jetzt vierundachtzig und lebt jetzt in Namibia. Diese bunte Mischung an Musikern auf dem Album macht mich sehr stolz.

CHiLLi: Geht deine Fußballleidenschaft so weit, dass du dauernd im Stadion bist?
Bela B.: Ja, ich hab eine Lebensdauerkarte für den FC St. Pauli. St. Pauli war einmal so pleite, dass es eine Retteraktion gab, das war vor vier Jahren. Ich habe damals den Ball ersteigert, als sie 2002 gegen FC Bayern München gewonnen haben, und unter anderem gab es auch Lebensdauerkarten, und so eine besitze ich jetzt. Die war nicht billig, sollte sich in zehn Jahren aber rentiert haben. (lacht)

 

 

Bela B. vervollständigt Sätze

Meine Traumfrau ist … Bela B. mit Brüsten
Gegen Liebeskummer hilft … Schokolade, allerdings bleibt der Liebeskummer dann auch sehr lange, weil du sehr dick wirst
Wenn das Blut spritzt … bin ich im richtigen Film
Ich fühle mich zu alt für … in Tokio Hotel-Konzert
Farin Urlaub kann nicht … mal ruhig sein, wenn er etwas besser weiß
Unter der Dusche singe ich … ausschließlich Bela B.-Songs
Mein Mini-Auftritt in „Inglourious Basterds“ war … keiner. Ich hab ihn verpasst. Ich muss ihn mir noch mal anschauen um zu sehen, wer da so aussieht wie ich.

Fotos: CHiLLi/Shervin Sardari, Thomas Steibl

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