Wein vs. Lukesch: Nackt durch die Wohnung

Wein vs. Lukesch: Nackt durch die Wohnung

Michaela Wein: Nackt durch die Wohnung?

Stellt euch Folgendes vor: Ihr sitzt vor dem Computer, beantwortet ein paar Mails und unterhaltet euch nebenbei per Skype mit einem Quasi-Kollegen. Nennen wir diesen Gesprächspartner einfach mal Oliver. Ihr redet/schreibt also über die Arbeit, die Uni und das Leben. Ihr sinniert vor euch hin, und plötzlich schreibt dieser Oliver: „Ich geh mir mal eine Unterhose anziehen.“

Ganz ehrlich: darauf fällt nichtmal mir eine passende Bemerkung  ein. Und vor allem: was antwortet man auf so eine Aussage? Will man sich das jetzt wirklich vorstellen, dass dieser Mensch am anderen Ende der Internetverbindung tatsächlich nackt vorm Computer sitzt und seelenruhig vor sich hintippselt? Ich mache das nicht. Und ich lebe in dem Glauben, dass das der Rest der Welt auch nicht tut. Abgesehen von ein paar Perversen.

Will man sich tatsächlich ausmalen, was der andere gerade macht, während eines Gespräches über die Arbeit? Wie er sich gedankenverloren über den Oberkörper streicht, die Hand weiter runtergleiten lässt – und dann eine banale Antwortnachricht auf Skype tippt? Nein, danke.

Niemand denkt an die tausenden von armen Seelen, zu denen ich auch gehöre, die jahrelang jeden verdammten Sommer am FKK-Strand zugebracht haben, weil die eigenen Eltern offensichtlich in ihrer Hippie-Flippie-Flower-Power-Phase hängen geblieben sind. Diese armen Kinder sind dazu verdammt, in ihrer Unschuld zwischen Leuten herumzuwuseln, auf Augenhöhe genau die Körperteile, die sie am wenigsten sehen wollen. Wir haben genug gesehen! Wir haben ein Recht auf bekleidete Menschen in unserer Umgebung!

Ich schäme mich nicht für meinen Körper. Aber trotzdem – es gibt Dinge, die sind unpassend. Und das Aufdrängen seiner eigenen Körperlichkeit gehört dazu. Ich will doch nicht als erstes in der Früh den Hintern meines Bettnachbarn sehen müssen (sofern es nicht der eigene Partner ist). Ein angemessenes Bekleidungsstück kann da Wunder wirken.

Aber, werdet ihr sagen, im Sommer hält man es angezogen kaum aus, da gibt es nichts besseres, als nackt durch die Wohnung laufen zu können. Ich sage: Eine Unterhose kann gar nicht so schweißtreibend sein, wie ihr tut. Was ist so schön daran, sich mit nackten Hintern auf einen Sessel zu setzen? Steht ihr auf das grausliche Gefühl beim Aufstehen, wenn der eigene Arsch so richtig schön festklebt? Geilt ihr euch an dem Gedanken auf, dass eure Gäste jetzt genau auf jener Stelle der Couch sitzen, auf der ihr grade noch nackig herumgekugelt seid?

Bleibt doch einfach angezogen, ich bitte euch inständig darum. Behaltet eure Körperflüssigkeiten für euch und bedeckt eure Blöße.  Auch wenn ihr alleine zu Hause seid: eure Nachbarn aus der Wohnung gegenüber werden es euch danken.

Oliver Lukesch: Wer heutzutage nicht nackt durch die Wohnung läuft ist von gestern

Stellt euch Folgendes vor: Es ist heiß wie in einem Atommeiler, ihr kommt aus der Dusche und die einzige Kühlung verspricht der Ventilator hinter eurem Computer. Plötzlich meldet sich eine dieser Witzfiguren über Skype, die ihr aus reinem Mitleid noch nicht geblockt habt, und brüskiert sich ob eurer Freiheit, in den eigenen vier Wänden mit dem Adamskostüm herumzulaufen!

Ernsthaft, muss man sich etwas Derartiges anhören? Kleidung in der Wohnung ist das Produkt eines restlos überholten, evolutionsbedingten Rattenschwanzes namens Schamgefühl, von seinen reaktionären Anhängern in soziale Konvention überführt. Gerade plump-suggestive Fragen wie die, wohin die Hand denn beim Chatten noch so wandere, zeigen, dass bei diesen Menschen noch das Kleinhirn am Drücker ist.

Im Sommer ist es heiß genug, im Winter gibt’s Decken und für die Hygiene existiert ein reichhaltiges Sortiment an Unterhosen. Und die paar Nachbarn, die mit Feldstechern und Schaum vorm Mund ihre Umgebung nach nacktem Fleisch abgrasen? Wenn sie sonst keinen Spaß im Leben haben, was kümmert’s mich? Nicht, dass ich sonderlich stolz auf meinen Körper bin – auch wenn meine durchtrainierten Wadeln vortrefflichste Schnitzel hergeben würden, um meine Hühnerbrust beneidet mich niemand. Aber gerade darum geht’s ja noch dazu: durch das Teilen von Schwächen gemeinsame stärker werden –  im Zeitalter des Web2.0 mehr als je zuvor!

Liebe Leute der Modeindustrie, ihr werdet bald auf der Straße stehen und euch mit von Bloggern abgelösten Journalisten um das letzte bisschen Öffentlichkeit prügeln müssen. Denn die Revolution, die momentan mit Facebook und Twitter an der Speerspitze voll im Gange ist, wird nach der Content-Industrie nicht halt machen. Was momentan stattfindet ist ein Paradigmenwechsel – weg vom eigenbrötlerischem Schwitzen und Faulen in überteuerten Klamotten hin zu einer noch nie da gewesenen Form des Teilens und der Offenheit. Nudismus ist das neue Schwarz der Generation Social Media.

Zugegeben, vor wenigen Jahrzehnten noch hätte die digitalen Avantgarde die von ihr gepredigte Offenheit in anderer Form ausleben müssen. Und dabei nur wenig zu lachen gehabt. Die komplette Google Führung säße ob ihrer voyeuristischen Anwandlungen im Kittchen, Mark Zuckerberg wäre König eines Nudistenstrands in der Südsee und Bill Gates hätte es unter dem Spitznamen „micro & soft“ zu eher zweifelhafter Berühmtheit gebracht.

Aber diese barbarischen Zeiten liegen hinter uns. Und den puritanischen Spießbürgerchen, die im Angesicht harmloser Nacktheit an nichts anderes als Körperflüssigkeiten, Sex und Geilheit denken können, sei gesagt: Freiheit von der Hose schafft Freiheit im Geist!

 

Glossen erschienen auf subtext.at und mokant.at

Fotos: Michaela Wein/Oliver Lukesch

Next Post:
Previous Post:
This article was written by
There is 1 comment for this article
  1. HippieSon at 16:03

    Oliver wins! Auch wenn das mit dem Web2.0 den Prozess eher verlangsamen wird. Sieht einem der Nachbar mal zufällig nackt, ist das eher sein Problem. Macht er in unserer Social Media Welt allerdings ein Foto, wird die größe des Spatzen bald von den Dächern getwittern, was dann ein größeres Problem verursacht.